Patriarchale Strukturen in der Odyssee

30. März 2026
„Kirke, die Odysseus den Becher reicht“ von John William Waterhouse, 1891, Oldham Gallery, via Art UK

In den Gesängen 13 bis 16 der Odyssee merkt man, wie patriarchale Herrschaft in der früheren Gesellschaft verstanden wurde. Eine interessante Stelle steht im 16. Gesang, nachdem Telemachos zu Eumaios zurückkehrt und seinen Vater Odysseus trifft, welcher noch verkleidet ist. Nachdem sie miteinander gesprochen haben, sagt Telemachos zu Eumaios, dass er seiner Mutter Penelope sagen soll, dass er sicher nach Hause zurückgekehrt ist. Gleichzeitig sagt er aber, dass niemand sonst davon erfahren soll, besonders nicht die Freier. Odysseus und Telemachos beschliessen, dass niemand von Odysseus' Rückkehr erfahren darf. " Nicht einmal Penelope dürfe wissen, dass ich zurückgekehrt bin!" (S.128).

Telemachos und Odysseus übernehmen in diesem Moment eine Führungsrolle. Obwohl Penelope die Herrin des Hauses ist, entscheiden sie, welche Informationen sie bekommt und wie viel sie wissen darf. Telemachos sagt zu Eumaios, was er tun sollte und Eumaios gehorcht ihm ohne zu widersprechen.  Das zeigt eine klare Hierarchie: Telemachos gibt Befehle und die anderen führen sie aus. Auch seine Mutter wird in dieser Situation nicht mit einbezogen, obwohl es um ihr eigenes Haus geht. Die wichtigsten Entscheidungen werden hier zwischen Männer getroffen. 

Die Szene kann gut mit dem Radiobeitrag «Die Wahrheit über Eva» verbunden werden. Dort geht es darum, dass in vielen religiösen Traditionen die Geschichte von Eva so interpretiert wurde, dass Frauen als schwächer oder weniger vertrauenswürdig dargestellt werden. Dadurch wurde oft besprochen, warum Männer mehr Macht in der Gesellschaft haben sollten. Auch in der Odyssee sieht man eine ähnliche Vorstellung: Die Männer sind diejenigen, die handeln und entscheiden, während Frauen eher eine begleitende Rolle haben. Gleichzeitig merkt man aber auch, dass Penelope nicht völlig machtlos ist. Sie hat das Haus während der lange Abwesenheit von Odysseus geführt und versucht, mit den Freiern umzugehen. Trotzdem wird sie in dieser Situation nicht einbezogen. Das zeigt, dass selbst einer starken Frau wie Penelope innerhalb der damaligen Gesellschaft, gewisse Grenzen gesetzt wurden.

Die Ungleichheit zwischen Männer und Frauen war nicht nur ein Problem in der früheren Zeit, da es bis heute noch in vielen Situationen weiterbesteht. Aus heutiger Sicht ist diese Form von patriarchaler Ordnung ungerecht. Heutzutage sollten Männer und Frauen gleichberechtigt sein und wichtige Entscheidungen gemeinsam treffen. Trotzdem ist es interessant zu sehen, wie selbstverständlich solche Strukturen früher dargestellt wurden. Die Odyssee zeigt damit nicht nur eine spannende Geschichte, sondern auch, wie die Gesellschaft in der Antike über Macht und Geschlechterrollen gedacht hat.